Atmen – Wellness für den Geist

Maske weg und frische Luft tief einatmen. Endlich. Wie befreiend! Wie wichtig das Einatmen von sauberer, sauerstoffreicher Luft für unser Wohlbefinden ist, merken wir in der Regel erst, wenn wir für eine gewisse Zeit darauf verzichten müssen. Immerhin atmen wir pro Atemzug atmet er dabei einen halben Liter Luft ein und aus, das sind 6 bis 9 Liter Luft pro Minute und rund 10’000 Liter pro Tag. Jede Minute holt ein erwachsener Mensch 12 bis 18 Mal Luft. Das ständige Ein- und Ausatmens läuft ganz automatisch ab. Wir sind uns diesem Vorgang absolut nicht bewusst. Eigentlich schade, denn dieses farb- und geruchlose «Nichts» ist in Tat und Wahrheit «Alles»: Verbindung zu Leben, Spiritualität und Gegenwärtigkeit.

Durchatmen unter Birken

In diesem Beitrag findet ihr Antworten auf die Fragen: Warum ist das Atmen so wichtig für die geistige Gesundheit? Wie kann ich mithilfe der Atmung Stress abbauen? Warum ist der Atem beim Meditieren so wichtig? Wie kann ich durch Atmen meine Gedanken beruhigen?

Harmonisch atmen

Beim Einatmen füllt sich die Lunge und die Bauchdecke hebt sich wie ein Blasebalg und wir spüren den Atem bis ins Becken. Beim Ausatmen senkt sich die Bauchdecke, der Brustkorb leert sich und die Luft strömt aus. Die Atmung ist jedoch so individuell wie die Menschen und spiegelt oft auch die Lebenssituation, in der sich jemand befindet. Bereits kleine Spannungsunterschiede im Körper verändern die Atmung enorm. Muskelspannungen, ausgelöst durch Angst, Aufregung oder körperlichen Krankheiten führen zu einem engeren Atemraum, Panik- und Schock gar zur Hyperventilation und Verkrampfung der Atmung. Bei Stress und Ärger hingegen werden der Puls und die Atmung schneller, was zu einer Anspannung der Atemmuskulatur führt. In Schockzuständen setzt der Atem oft aus oder wird angehalten. In Ruhe hingegen ist der Atem tief und die Muskulatur entspannt. 

Stressabbau mithilfe der Atmung

Genauso wie Spannungen die Atmung beeinflussen, können wir auch umgekehrt die Atmung nutzen, um Spannungen abzubauen. Schnelles Atmen erhöht den Herzschlag, langsames Atmen vermindert ihn. Atmen wir in Ruhe über die Nase ein, strömt die Luft mit einem gewissen Widerstand in den Körper. Das verlangsamt und verlängert die Einatmung und regt die Zwerchfellatmung an. Die Luft verweilt länger in den Lungen, wodurch die Durchblutung und die Belüftung der Lunge und des Herzens verbessert und die Gehirndurchblutung erhöht werden. Das Einatmen über den Mund führt hingegen zu Verspannungen im Brustbereich und ist im Winter ohnehin nicht ideal. Beim Einatmen durch den Mund gelangt viel kalte Luft ungefiltert in die unteren Atemwege der Lunge. Um Erkältungen vorzubeugen, empfiehlt es sich, bei winterlichen Temperaturen durch die Nase einzuatmen. Die oberen Atemwege der Nase wärmen, reinigen und befeuchten die kalte Luft. Je kälter die Luft ist, desto stärker werden die Schleimhäute durchblutet, wodurch die Luft erwärmt wird. Bis sie in den Lungen ist, hat sie die Körpertemperatur erreicht.

Atempausen bewusst wahrnehmen

Auch das Ausatmen erfolgt idealerweise durch die Nase. Bei Angst- oder Stresssituationen kann es hingegen helfen, gegen den Widerstand der leicht geschlossenen Lippen auszuatmen und die Luft so lange ausströmen zu lassen, bis das Einatmen reflexartig von selbst wieder erfolgt. Dabei ist wichtig, den kurzen Moment der Stille wahrzunehmen der entsteht, wenn das Ausatmen beendet ist und das Einatmen noch nicht begonnen hat. Nach einiger Zeit des Ausatmens entspannt sich der Körper. Die Spannung baut sich noch besser ab, wenn die Zeiteinheit des Ausatmens etwas länger ist als jene des Einatmens. Ausatmen ist generell wichtig in Situationen, die negativ belastet sind, bei Vorwürfen oder Streitereien. Hier schafft das Ausatmen eine gesunde Distanz zur Situation.

Meditieren mit dem Atem

Sobald wir den Atem nutzen, um im Körper eine bestimmte Wirkung zu erzielen, beginnt der Wechsel von der natürlichen Atmung hin zur bewussten Atmung, die in vielen Meditationspraktiken angewendet werden. Wir können nicht gleichzeitig denken und bewusst atmen. Wenn wir bewusst atmen, ist der Geist mit dem Ein- und Ausatmen beschäftigt. Deshalb macht das bewusste Atmen den Geist ruhiger und der Gedankenfluss für eine Weile unterbrochen. Der Moment des Atembeobachtens, beziehungsweise des Nicht-Denkens, dauert bei Ungeübten oft nur einige Sekunden an, dann schwirrt bereits der nächste Gedanke durch den Kopf, was vollkommen normal ist. Mit dem Fokus auf den Atem kann man sich selber aber immer wieder zum Hier und Jetzt des Atmens zurückholen. Denn Einatmen repräsentiert die Zukunft. Ausatmen die Vergangenheit. Dazwischen ist die Stille, das Nichts, die absolute Ruhe. Auch das bewusste Verlangsamen oder Anhalten der Atmung wird in Meditationen praktiziert, um tiefe geistige Stille zu erreichen. In einer alten Sufi-Weisheit heisst es: «Wenn es uns gelingt, Atem und Bewusstsein zu verbinden, sind wir mit der Lebensenergie verbunden. Der Atem ist der Atem der Gnade Gottes, und dieser Atem ist es, der die Seele zum Leben erweckt. Solange die Seele nicht von Bewusstsein belebt ist, gleicht sie dem Vogel, der noch nicht flügge ist.»

Dieser Text von mir erschien im Januar 2020 in der Zeitschrift «Natürlich».

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