Ayurveda Geschmacksrichtungen

Süss ist schön und gut, wir brauchen aber auch alle anderen Geschmacksrichtungen

Die Ayurveda Geschmacksrichtungen müssen wir uns im Moment selber zusammenstellen. Aktuell herrscht nämlich ein Geschmack vor, und der ist süss. Seit Wochen lachen uns im Grossverteiler fröhliche Schokoladenhasen und bunte Schokoladeneier entgegen. Das Meer aus Farben, Formen und Lust machendem Süss erinnert mich immer an Dagobert Duck, der in seinem Tresorraum im Gold badet. Geniessen wir diesen Schmaus! Lassen wir uns verführen und das zarte Süss auf der Zunge zergehen. Im Ayurveda gibt es keine Verbote. Auch der süsse Geschmack hat seinen Platz und seine Berechtigung. Bei den Ayurveda Geschmacksrichtungen wird vielmehr darauf geachtet, dass der süsse Geschmack nicht isoliert vorkommt oder die Mahlzeiten beherrscht, was bei uns im Westen leider oft der Fall ist. Der Grund für die Empfehlung, vielseitig zu bleiben, liegt daran, dass wir, um den süssen Geschmack zu verdauen, alle anderen Geschmacksrichtungen benötigen.

Nach dem Prinzip vom Ayurveda ist ein Gericht erst rund, wenn süsse, sauer, salzige, scharfe, bittere und herbe Geschmacksträger darin enthalten sind. Wenn die Zunge alle sechs Geschmacksrichtungen wahrnehmen kann, besteht eine ausgewogene Harmonie im Essen und schlussendlich auch in unserem Körper. Wer sind, was wir essen. Essen wir vielseitig, können sich auch alle Körperzellen gesund und ausgewogen aufbauen. Herrscht ein Geschmack im Alltag vor, wird der Körper einseitig beeinflusst.

1. Sechs Ayurveda Geschmacksrichtungen

Unser westliches Verständnis kennt fünf Geschmacksrichtungen. Süss, Sauer, Salzig, Scharf und Bitter. Im Ayurveda kommt eine sechste Geschmacksrichtung ins Spiel, der herbe, zusammenziehende Geschmack, wie wir ihn vom Genuss von Rhabarber, Salbeiblättchen oder Kaki Früchten kennen. Die sechs Geschmacksrichtungen, wie wir sie in der Ayurveda-Küche einsetzen, sind folgende:

  1. Süss (Madhura)
  2. Sauer (Amla)
  3. Salzig (Lavana)
  4. Scharf (Katu)
  5. Bitter (Tikta)
  6. Herb/Zusammenziehend (Kashaya)

2. Geschmack und Verdauung

Für jeden Grundgeschmack befinden sich auf der Zunge Geschmacksknospen, die Rezeptoren enthalten und die Geschmacksrichtungen anzeigen.  Die Geschmacksknospen erkennt man von blossem Auge auf der Zunge als rote Pünktchen.  Bestimmte Nerven verschalten die Geschmacksrezeptorzellen im Mund mit dem Geschmackskern im zentralen Nervensystem, der die Impulse weiter zur Grosshirnrinde leitet. Dort werden die Geschmacksreize erkannt.  

Aber warum essen wir viel lieber einen Osterhasen als eine Handvoll Blattspinat? Offenbar ist der Grund dafür in der Evolution zu finden. Es geht ums Überleben. In den süssen Lebensmitteln (Getreide/Kartoffeln/Hülsenfrüchte/Fleisch) kommen überlebenswichtige Nährstoffe vor. Die Natur hat scheinbar neuronale Mechanismen erfunden, um dem Mensch diese Grundnahrung schmackhaft zu machen. Der bittere und saure Geschmack sind bedeutend gefährlicher. Bittere Kräuter können giftig, saure Lebensmittel vergoren oder vergammelt sein. Vielleicht mögen Kinder deshalb kein Grünzeug und verweigern teilweise das Essen, sobald sie ein paar wenige Petersilienblättchen entdecken.

3. Geschmack nach der Verdauung (Vipaka)

Dass der Geschmack vor und nach der Verdauung anders sein kann, ist eine Ayurveda-Basistheorie, die etwas schwierig zu verstehen ist. Gehen wir einfach davon aus, DASS es so ist und hinterfragen nicht WARUM es so ist. Sonst müsste ich tiefer in meine Ayurvedaliteratur eintauchen. Auf der Zunge gibt es sechs Ayurveda Geschmacksrichtungen, nach der Verdauung jedoch nur noch drei: süss, sauer und scharf. Was auf der Zunge süss schmeckt, bleibt auch später, nach der Verdauung süss. Was hingegen auf der Zunge salzig schmeckt, wird nach der Verdauung süss und fördert somit die Gewichtszunahme und die Schleimproduktion im Körper. Wer also abnehmen will, soll weder zu viel Süsses, noch zu viel Salziges essen.

  • Süss und salzig wird zu süss
  • Sauer bleibt sauer
  • Scharf, bitter und herb wird zu scharf

4. Wirkung der 6 Geschmacksrichtungen

Die Geschmacksrichtungen eng verbunden mit der Elementenlehre. Ich sehe einem Lebensmittel nicht immer an, welche Elemente es enthält. Aber ich kann ein Stück davon kosten und anhand des Geschmacks beurteilen, ob es eher zum Feuer oder eher zur Luft gehört. Der süsse Geschmack zum Beispiel ist der Erde zugeordnet. Deshalb sind Schokolade und Paste die vermeintlich ideale Stressnahrung. Das Stück Schokolade holt uns sofort runter, wenn wir gestresst, nervös oder unruhig sind. Aber eben nur für kurze Zeit. Es gibt definitive bessere Stressnahrung als Süssigkeiten. Zum Beispiel Nüsse, Rosinen, eine Tasse Bouillonsuppe oder ein paar Datteln.

1. Süss (Erde und Wasser)

Der süsse Geschmack dominiert unsere Nahrung. Er kommt im Getreide, Milch und in den Süssspeisen vor. Süsses gibt dem Körper Feuchtigkeit, baut ihn auf und wirkt erdend. Das heisst, diese Lebensmittel machen träg und schwer, besänftigend, kühlend.

Tipp: Es braucht alle anderen Geschmacksrichtungen, um Süssigkeiten richtig zu verdauen. Nach dem Osterhasen könntest du einen Apfel essen, damit die Lust nach weiteren Süssigkeiten vergeht.

2. Sauer (Erde und Feuer)

Saure Speisen regen die Verdauung an und unterstützen den Aufbau der Körpersubstanz. Sauer nährt und stärkt die Widerstandskraft. Es stillt den Durst, fördert den Speichelfluss und regt die Verdauung an. Der saure Geschmack kommt in vergorenen Speisen wie Joghurt, Quark, Essig, Alkohol vor. Ebenso in unreifen Früchten.

Tipp: Trink morgens heisses Wasser mit einem Schuss Zitronensaft oder Apfelessig. Das regt den Stoffwechsel an.  

3. Salzig (Wasser und Feuer)

Salziges macht das Gewebe weich und wirkt befeuchtend. Es hält Wasser zurück. Es verstärkt alle anderen Geschmacksrichtungen und fördert die Verdauung. Zudem reguliert Salz den Elektrolyten Haushalt im Körper. Salz kommt im Speisesalz vor, wie auch in Algen, Meeresfisch und Meeresfrüchten.

Tipp: Besser als das herkömmliche Kochsalz sind unraffinierte Salze, Steinsalz, Himalayasalz oder Kristallsalz.

4. Scharf (Feuer und Luft)

Scharfes Essen regt das Verdauungsfeuer an und fördert die Durchblutung. Es reinigt den Körper, wärmt und löst Schleim. Zu viel Hitze kann zerstörend wirken. Das erleben wir bei Entzündungen, Magengeschwüren oder zu heissem oder scharfen Essen. Zum scharfen Geschmack zählen Chili, Pfeffer, Rettich, Kresse oder Radieschen.

Tipp: Iss im Frühling ruhig etwas schärfer als sonst, damit der Winterspeck dahinschmilzt.

5. Bitter (Luft und Raum)

Bitteres regt den Stoffwechsel an und wirkt verdauungsfördernd. Es entgiftet den Körper und reduziert Schleim. Der bittere Geschmack kommt vor allem in grünen Kräutern und grünem Gemüse vor. Bitteres ist wichtig für die Verdauung, die Leber, die Gallen und den Magen. Bevorzugt enthalten in Chicorée, Catalonia, Kurkuma, Löwenzahn oder Grüntee. Einen ausführlichen Artikel zu den Bitterstoffen findest du hier.

Tipp: Bitterstoffe kommen im Alltag viel zu selten vor. Kauf dir ein Fläschchen Bittertropfen. Diese nimmst du mit wenig Wasser direkt in den Mund und lässt den bitteren Geschmack auf der Zunge wirken.

6. Herb/Zusammenziehend (Luft und Erde)

Der herbe Geschmack wirkt zusammenziehend und kommt im grünen Blattgemüse, in Kräutern, Wildkräutern und Hülsenfrüchten vor. Gerbstoffe und Tannine wirken stark antioxidativ und verhindern das Eindringen von Keimen in den Körper. Zum herben Geschmack zählen Salbei, Kichererbsen, unreife Bananen, Rhabarber und der Granatapfel.

Tipp: Jeden Tag ein Blättchen Salbei naschen. Das stärkt das Immunsystem und schützt die Mundschleimhaut vor dem Eindringen von Keimen.

5. Welche Geschmacksrichtung passt zu mir?

Grundsätzlich gilt, dass Leute, die vom Luftelement (VATA) geprägt sind, eher süss, sauer, salzig essen sollten. Hitzige Gemüter (PITTA) halten sich an süss, bitter, herb. Wer das Leben eher gemütlich angeht und sich nicht gerne bewegt (KAPHA), der greift bevorzugt zu scharf, bitter, herb.

Wenn alle Geschmacksrichtungen ausgewogen vorkommen, ist der Körper optimal versorgt. Wir haben weder Heisshunger auf einen bestimmten Geschmack, noch das Gefühl, dass irgendwas fehlt. Achte mehr darauf, welche Geschmacksnuancen du aus der Mahlzeit herausschmeckst.

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