Eine Welt voller Liebe

Tränendes Herz
Tränendes Herz

Augen schliessen, Fliederduft einatmen, die zarten Blüten berühren die Nasenspitze. Ich öffne die Augen und verliere mich in der blühenden Wonne. Das ist Liebe. Eine kleine Welt voller Liebe. Das Gefühl von Liebe umfasst viel mehr als Kitsch und Hormone. Mehr als Psychologie und Sex. Liebe ist die Kraft, die uns im Alltag hilft, an das Gute zu glauben. Der Natur Sorge zu tragen und den Mitmenschen gegenüber freundlich zu sein. Wir alle brauchen Liebe, möchten geliebt werden und andere lieben. Viele Menschen verausgaben sich weit über ihre Grenzen hinaus, um Anderen zu gefallen. Sie verbiegen sich, setzen sich immer höhere und strengere Ziele, um gesehen und geliebt zu werden. Ein Irrweg, der mit Liebe leider sehr wenig zu tun hat.

Für unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und eine Welt voller Liebe ist es wichtig, dass wir mit unserer eigenen, liebenden Natur in Kontakt treten und uns auf das Lieben statt auf das geliebt werden konzentrieren. Auf diese Weise wird die Liebe zu einem Heilmittel für die Seele. Ich würde sogar behaupten, dass die Liebe, zusammen mit dem Gefühl von Freude und Glück, die Selbstheilungskräfte in einem Ausmass aktiviert, wie es kein anderes Heilmittel vermag. Mit einer liebevollen Haltung uns selbst gegenüber, können wir uns von negativen Gedanken und energetischen Blockaden befreien. Das heisst aber nicht, dass wir die rosarote Brille aufsetzen, alles positiv sehen und verblendet durch das Leben hüpfen. Es bedeutet vielmehr, dass es uns gut bekommt, wenn wir uns täglich mit dem Gefühl von Liebe verbinden.

Eine Welt voller Liebe – Die drei Stufen der Liebe

In sämtlichen Weltreligionen gibt es Abhandlungen über die Liebe. Das Modell, das mir zurzeit sehr gut gefällt, stammt aus dem Tantrayana Buddhismus. In seinem Buch, «Liebe und Gesundheit» (leider vergriffen), beschreibt Tulku Lobsang, Lehrer für Buddhismus und tibetische Medizin, die drei Stufen der Liebe sehr einfach und eindrücklich. In dieser Lehre gibt es von der körperlichen bis zur spirituellen Liebe drei Ebenen:  

  • 1. Die Liebe auf körperlicher Ebene, die mit Zärtlichkeit, Sexualität, Berührung und Aktivierung sämtlicher Sinnesorgane verbunden ist.
  • 2. Die Liebe, die wir innerlich erzeugen. Ein Gefühl von Nächstenliebe, Anteilnahme oder Mitgefühl.
  • 3. Die absolute, bedingungslose Liebe, die immer da ist und nie erlöscht. Je nach Weltanschauung wird diese höchste Ebene von Liebe als spirituelle, göttliche Liebe, Buddha- oder Jesusnatur bezeichnet.   

1. Die fühlende Liebe

Die fühlende Liebe, welche die erste der drei Ebenen bildet, beinhaltet alle angenehmen Empfindungen und Erfahrungen, die wir über die fünf Sinnesorgane machen. Wenn wir an über die Schönheit eines Baumes erfreuen, ein Stück Schokolade auf der Zunge zergehen lassen, dem Klang der Vögel lauschen, über das weiche Fell einer Katze streichen oder einen Menschen anlächeln. Das alles sind Sinneserlebnisse, die wir mit den Augen, der Zunge, dem Tastsinn, dem Gehör und der Nase wahrnehmen und die uns für einen Moment alles um uns herum vergessen lassen. Tulku Lobsang schreibt in seinem Buch, dass wir alles was wir sehen, fühlen, schmecken und riechen zu unseren Geliebten machen sollen. Wir sollen uns verlieben. In jeden köstlichen Geschmack, jeden bezaubernden Ton und jeden lieblichen Duft. Wenn du das Gefühl hast, es fehle dir an Liebe im Leben, sollst du schöne Orte aufsuchen, deine Zeit mit netten Menschen verbringen und dankbar sein, für die Dinge links und rechts vom Wegrand sind. Auf diese Weise beginnt sich das Herz zu öffnen. Wir beginnen uns in die kleinen Dinge des Lebens zu verlieben. Je häufiger wir das tun, desto besser gelingt es uns, die Dinge, die wir sehen, fühlen, riechen, schmecken und hören wieder lieben zu lernen.

2. Die gebende Liebe

Auf dem Level 2 in Sachen Liebe geht es um die Freiheit, zu wählen wie wir empfinden möchten. Es ist einfach, jemanden zu lieben, der uns Komplimente macht oder einem Kranken gegenüber Mitgefühl zu empfinden. Die Kunst der subtilen Liebe besteht darin, das Gefühl von Liebe und Freude zu behalten, auch wenn wir vielleicht Schmerzen haben oder krank sind, der Nachbar nervt und die Handlungen der Freundin nicht unseren Erwartungen entsprechen. Bei der subtilen Liebe geht es um das Verschenken von Liebe, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Wenn wir das Gefühl haben, Liebe zu geben, sie regelrecht zu versprühen, sind wir offener und auch in unserem Energiesystem lösen sich dabei viele Hindernisse auf. Solange wir Liebe geben, sind wir mit der Liebe verbunden. Sobald wir hingegen eine Gegenleistung fordern und von jemandem oder etwas geliebt werden wollen, verschwindet die Liebe. Wir kennen das alle aus dem Beziehungsalltag. Zuerst ist das Glück vollkommen, wir würden alles tun für den geliebten Mensch an unserer Seite. Schleicht sich allerdings das Gefühl ein, dass ich mehr Liebe gebe, als ich vom anderen bekomme, beginnt sich etwas im Herz zu verhärten und der Anfang vom Ende der Liebe ist vorprogrammiert. Sich selbst zuliebe sollte man deshalb immer mit dem Geben verbunden bleiben. Sonst blockieren wir uns geistig wie auch körperlich und verlieren die Freude und den Sinn des Lebens.  Es ist spannend und heilsam, sich mit der gebenden Lebenshaltung vermehrt auseinanderzusetzen, da wir auf diese Weise für die eigene Psychohygiene sorgen. Denn eines ist klar: Das Gefühl von Liebe muss jeder und jede in sich selbst aufkeimen lassen, pflegen und behüten.

Ein Falter flattert lange Zeit um das Licht einer Kerze, zwischendurch versengt er sich einen Flügel und irgendwann fliegt er mitten in das Licht hinein, das ihn so anzieht. Und stirbt…

Die Mystik des Islams (Sufismus)

3. Die allumfassende Liebe

Bei der dritten Stufe der Liebe befinden wir uns mitten in der Spiritualität. Es handelt sich um die absolute Liebe, die immer da war und immer da sein wird. Die absolute Liebe ist unsere Natur, das Licht der Erkenntnis, die atmende Göttlichkeit. Die absolute Liebe in uns selbst zu entdecken wird im Buddhismus als Aufwachen beschrieben.  Der Weg der Liebe fängt damit an, dass wir lernen, für alles was uns begegnet ein Gefühl von Liebe zu empfinden. Dieses Gefühl, das wir dabei erzeugen, sollten wir weitergeben mit einem freundlichen Wort, einer netten Geste, einer innigen Umarmung oder einfach nur mit einem Lächeln. Irgendwann wird es gelingen, unserer wahren Natur zu begegnen und die absolute Liebe in unserem Inneren zu entdecken. Ich wünschte mir, es würden sich mehr Menschen auf den Weg machen und diesen lichtvollen Liebesfunken in die Welt tragen.

Atmendes Leben, nimm alles mir, was mich hindert zu Dir

Atmendes Leben, gib alles mir, was mich fördert zu Dir

Atmendes Leben, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.

Bruder Klaus aus dem Flüeli Ranft (Im Original heisst es «Mein Herr und mein Gott». In einer ersten Bibelübersetzung aus dem Aramäischen wird Gott/Vater-Unser als «Atmendes Leben» bezeichnet, was ich viel schöner und stimmiger finde.

Wann warst du das letzte Mal verliebt in das Leben? In das duftende Brot oder die bezaubernd blühenden Obstbäume? Wir brauchen keine Beziehung, um uns in das Gefühl der Liebe hineinfallen zu lassen. Wir brauchen «nur» unsere Sinne und die Sinneswahrnehmungen. Umso schöner ist es natürlich, wenn man die Sinneswahrnehmungen gemeinsam mit einem anderen Menschen oder im zärtlichen Zusammensein erkunden kann. Aber das Fehlen eines menschlichen Geliebten soll dich nicht davon abhalten, dir das Leben und dich selber – vor allem dich selber, zu deinem/deiner Geliebten zu machen.

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