Sehnsucht

Sehnsucht

Die Sehnsucht ist das Feuer, das uns am Leben hält. Was wäre das Leben, ohne Feuer? Wir alle kennen das bittersüsse Gefühl der Sehnsucht. Süss, weil es so oft mit Liebe und verheissungsvollem Glück zusammenhängt. Bitter, weil es unerreichbar ist. So sehr, dass Sehnsucht ein schmerzliches Ziehen in der Brust hervorrufen kann. Sehnsucht ist der Liebeskummer. Aber nicht nur! Sehnsucht ist auch Vorfreude und führt zum glückseligen Dauerlächeln, wenn man die grosse Liebe gefunden hat. Sehnsucht liegt im Schmerz der endgültigen Trennung und im vorübergehenden Getrenntsein zweier frisch Verliebten.

Ich suche die blaue Blume,

Ich suche und finde sie nie,

Mir träumt, dass in der Blume

Mein gutes Glück mir blüh.

Joseph von Eichendorff (1788–1857)

Sehnsucht und Psyche

In der Psychologie ist das komplexe Phänomen der Sehnsucht sehr wenig untersucht. Vermutlich deshalb, weil das Gefühl so individuell ist wie die Vorstellung des perfekten Lebens. Eine Forschergruppe der Universität Zürich hat sich diesem Thema angenommen und verschiedene Merkmale der Sehnsucht herausgefiltert. So entstanden verschiedene Definitionen der Sehnsucht: Sehnsucht ist die Unerreichbarkeit einer persönlichen Utopie, wie das Leben aussehen sollte. Sehnsucht ist die Trauer darüber, dass das Leben nie vollkommen sein kann. Sehnsucht ist immer gleichzeitig auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft ausgerichtet.

Das heisst, wir sehnen uns in der Gegenwart nach etwas, das in der Vergangenheit existierte und hoffen, dass es in der Zukunft wieder da IST. Eine verstorbene Person, eine verflossene Liebe, ein verspieltes Vermögen. Sehnsucht ist aber auch eine Möglichkeit, wie wir uns selbst erforschen können. Sie gibt Aufschluss über den eigenen Lebensweg, die Wünsche und Träume, die wir entweder leben oder unterdrücken. Sehnsucht ist die Chance, die innersten Bedürfnisse hinter dem Konsumverhalten zu entdecken.

Das heisst, wenn ich mich nach einem schnittigen Sportwagen sehne, könnte das heissen, dass ich mir im Leben mehr Freiheit, Unabhängigkeit und Unbeschwertheit gönnen sollte. Diese Gefühle lassen sich mit dem Kauf des Wagens nur vorübergehend befriedigen. Ihnen hingegen auf die Spur zu kommen, kann für das eigene Leben sehr sinngebend sein.

Solange die Sehnsucht im Bereich des Kontrollierbaren liegt, kann sie sehr inspirierend sein. Diesen Umgang mit der Sehnsucht muss man im Laufe des Lebens allerdings erlernen. Junge reagieren oft viel melancholischer auf Sehnsucht als ältere Menschen. Vielleicht haben die Älteren gelernt, damit umzugehen, vielleicht werden die Träume mit zunehmendem Alter auch bescheidener und demütiger, weil das Leben selbst bereichernd und erfüllt war.

Sehnsucht und Kunst

Sehnsucht

Wonach sehnen Sie sich? Nach einer geliebten Person? Nach dem Haus an der Amalfiküste? Sehnsucht ist ein Gefühl des schmerzlichen Verlangens. Es ist ein inniges Zehren nach Personen, Sachen, Zuständen oder Zeitspannen, immer in Verbindung damit, dass das Ziel der Begierde nicht erreicht werden kann. Das ist Stoff für allerbeste Dramen. Es verwundert nicht, dass die Sehnsucht jegliche Formen der Kunst seit jeher inspiriert. Die Theaterbühne, die Literatur, den Tanz, die Musik und die Oper. Sie alle leben vom Schmerz der unerfüllten Liebe, der Sehnsucht nach Rache oder der Sehnsucht nach einem besseren Leben.

Wie schön sind doch all die Klagelieder, die Arien und Chansons, die von Schmerz, von Trennung oder von unerfüllter Liebe handeln? Wie berührend die Klänge der Geige, die das Gefühl der Sehnsucht so eindringend an uns heranträgt. Nicht zu vergessen die Poesie, wo über reduzierte Worte so unendlich viel Sehnsucht, Schwärmerei und Schwelgen in einen Text gepackt wird.

Neben der Literatur und der Musik, befasste sich auch die Philosophie, die Mythologie und die Mystik auf unterschiedlichste Weise mit der Wissenschaft der Sehnsucht. Der Philosoph Immanuel Kant bezeichnete die Sehnsucht als Zeitspanne, zwischen Begehren und Erwerben des Begehrten. In der griechischen Mythologie wird unsere Suche nach Vollkommenheit mit einer Geschichte erzählt, die von Kugelmenschen handelt. Diese hatten vier Hände, vier Füsse und einen Kopf mit zwei Gesichtern. Weil sie den Himmel stürmen wollten, bestrafte Zeus sie und zerlegte die Kugelmenschen in zwei Hälften. Diese Hälften sind die heutigen Menschen. Sie leiden unter Unvollständigkeit, suchen ständig nach der verlorenen zweiten Hälfte und sehnen sich nach der einstigen Ganzheit.

Sehnsucht und Spiritualität

Sehnsucht

Mit der Ganzheit und dem Getrenntsein vom Göttlichen befasst sich auch die Sehnsucht nach einer spirituellen Verbindung. Die Suche nach dem eigenen Ursprung, das Erforschen der Spiritualität und die Auseinandersetzung mit den Sinnfragen des Lebens hat sehr viel mit Sehnsucht zu tun. In der Mystik des Islam, dem Sufismus, wird die Sehnsucht nach der Rückverbindung mit dem Göttlichen oft mit der Suche nach dem Geliebten, dem Falter, der um den Schein der Kerzenflamme flattert oder mit der klagenden Flöte beschrieben, die sich nach dem Bambusrohr sehnt, von dem sie getrennt worden war, bevor sie zur Flöte wurde. In allem ist die unstillbare Sehnsucht nach der Liebe, dem Licht und der Wurzel, die in keiner Art und Weise befriedigt werden kann.

Die Bambusflöte sehnt sich nach der Wurzel des Rohres, von dem sie getrennt wurde. Jede Blume welkt in der Sehnsucht nach dem Stängel, von dem sie getrennt wurde. Ist diese Vorstellung nicht herzzerreissend schön?

Hör auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt:

«Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde, hat meine Klage Mann und Frau zum Weinen gebracht.

Ich suche nach einer von der Trennung zerrissenen Brust; der ich meinen Sehnsuchtsschmerz enthüllen kann.

Wer weit von seinem Ursprung entfernt ist, sehnt sich danach, wieder mit ihm vereint zu sein».

(Rumi: „Das Matnavi“, Edition Shershir, mit freundlicher Genehmigung der Übersetzergemeinschaft Bernhard Meyer, Kaveh und Jilla Dalir Azar)

Der Text erschien in der Originalversion im Natürlich 0422

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